Unter dem Motto „24 % Kürzungen? Nicht mit uns!“ sind am 21. Mai rund 220 Studierende und Beschäftigte der MIN-Fakultät im Hörsaal 1 des neuen Informatikums an der Bundesstraße zusammengekommen, um über den „Strukturprozess“, die Kürzungspolitik an der UHH und Möglichkeiten des Protests zu beraten. Die Initiative zur Vollversammlung war von verschiedenen Fachschaftsräten (u.a. Geographie, Mathematik, Integrated Climate System Sciences), Beschäftigten des Mittelbaus sowie der Initiative Geos gegen Kürzungen ausgegangen, die gemeinsam durch die Versammlung führten.

Die Versammlung diente der Information, dem Austausch und der Mobilisierung für die Demonstration unter dem Motto „Wissen schafft Zukunft“ am 11. Juni 2026. Nach einem kurzen Input zum Hintergrund und Stand des „Strukturprozesses“ sowie zur Finanzlage der UHH gaben Angehörige der MIN-Fakultät Einblicke in bereits jetzt spürbare Auswirkungen von Unterfinanzierung und Kürzungspolitik:
Prof. Dr. Christoph Schweigert (Mathematik) berichtete über den Wegfall von Stellen und fehlende Teamassistenzen, die sich z.B. negativ auf die Betreuung von Vorlesungen auswirkten. Die Mehrbelastung durch Übernahme administrativer Tätigkeiten, für die es an Personal fehle, nehme auch auf Ebene der Professuren zu. Auch die Informationslage sei ein Problem: Es fehlten die Informationen, um den „Strukturprozess“ und damit verbundene Entscheidungen überhaupt nachvollziehen zu können.
Dr. Esther Diekhof (Gleichstellungsbeauftragte MIN) stellte die Auswirkungen der Kürzungsmaßnahmen auf Gleichstellungsvorhaben heraus. Mutterschutz- und Elternzeitvertretungen seien etwa bereits eingestellt worden – an der ohnehin besonders männerlastigen MIN-Fakultät würden Ziele zur Frauenförderung damit weiter ins Hintertreffen geraten. Pläne zur Gleichstellung von Frauen bestünden auf dem Papier, würden unter den aktuellen Bedingungen aber nicht realisiert.
Tim Gerlach (wissenschaftlicher Mitarbeiter, Informatik) berichtete, dass der Fachbereich Informatik an der UHH bereits seit längerer Zeit unterfinanziert sei. Der Bachelor-Studiengang Software-System-Entwicklung müsste so beispielsweise zum Wintersemester 2026/27 eingestellt werden. Auch der Wegfall von Stellen für Tutorien führe zu größeren Gruppen, verbunden mit mehr Betreuungsaufwand.
René König (TVPR, Vorsitzender) vom Personalrat für technisches, Bibliotheks- und Verwaltungspersonal unterstrich die Arbeitsverdichtung in Folge von Stellenvakanzen und Unterfinanzierung, die zu Überlastung und Stress führe. Personalmangel halte viele Beschäftigte davon ab, sich krankzumelden: Kollegiale Solidarität ersetze dadurch aber faktisch die bedarfsgerechte Finanzierung. Es handele sich um „organisierte Selbstausbeutung“. Fehlende Transparenz und Beteiligung der Beschäftigten wurden als große Probleme des „Strukturprozesses“ herausgestellt.
Adrian Hauser (TV Stud), Student der Geographie und aktiv bei der gewerkschaftlichen Initiative TV Stud, beschrieb die verstärkte Planungsunsicherheit, die aus dem Wegfall von Tutorien und Stellen für studentische Mitarbeitende resultiere. Diese seien ohnehin nicht tarifvertraglich geregelt, auch gäbe es keine institutionalisierte Interessenvertretung für studentische Beschäftigte in den Personalräten. Unter den Bedingungen der Kürzungspolitik drohten vereinbarte Mindestvertragslaufzeiten unterlaufen zu werden, was die Prekarität studentischer Arbeit weiter verschärfen würde.
Lasse (Fachschaftsrat Mathematik) schilderte ausfallende Seminare, weil Dozierende sich bereits jetzt mit Kürzungsmaßnahmen beschäftigen müssten. Auch die traditionelle Absolventenfeier sei eingestellt worden, weil das Studienbüro nicht mehr über ausreichende Mittel verfüge.
In der anschließenden Diskussion wurden weitere Auswirkungen der Kürzungspolitik beschrieben und auf andere von Sparmaßnahmen betroffene Bereiche der Gesellschaft hingewiesen (bspw. die Kinder- und Jugendhilfe). Dabei wurde auch die Gefahr thematisiert, dass der anlaufende „Strukturprozess“ zu einer Spaltung innerhalb der Universität führen könnte: zwischen Fakultäten, einzelnen Fachbereichen und verschiedenen Mitgliedergruppen. Vorgaben darüber, welche Studiengänge gekürzt werden und wofür Mittel künftig noch bereitgestellt werden, erzeugen Konkurrenz und Verteilungskämpfe innerhalb der Hochschule. Dem wurde in der Vollversammlung eine klare gemeinsame Haltung entgegengesetzt: Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen und stehen solidarisch zusammen.
Auch der größere Zusammenhang der Unterfinanzierung wurde aufgerufen: Geld sei genügend da, die Unterfinanzierung von Universitäten auch in anderen Städten der Bundesrepublik sei vielmehr politisch hergestellt – für Rüstungs- und Militärausgaben würden umfangreiche Mittel mobilisiert, bei Bildungs- und Sozialausgaben werde dramatisch gekürzt.
Die Versammlung fasste abschließend einen gemeinsamen Beschluss, der hier dokumentiert wird:
BESCHLUSS DER MIN-VOLLVERSAMMLUNG DER STUDIERENDEN UND BESCHÄFTIGTEN VOM 21. MAI 2026
1. Als Studierende und Beschäftigte der MIN-Fakultät wenden wir uns gemeinsam gegen die Kürzungspolitik im Rahmen des „Strukturprozesses“ an der Universität Hamburg, die einen Angriff auf unsere Arbeits- und Studienbedingungen darstellt. Wir fordern die bedarfsgerechte Ausfinanzierung der Hamburger Hochschulen.
2. Das Präsidium, das MIN-Dekanat, die Fachbereichsleitungen und die gewählten Repräsentanten in den Gremien rufen wir auf, sich den Sparmaßnahmen zu widersetzen und keine Maßnahmen zu unterstützen, die den Interessen von uns Beschäftigten und Studierenden zuwiderlaufen.
3. Wir lassen uns nicht nach Mitgliedergruppen, Fachbereichen, Instituten oder Arbeitsbereichen spalten und wollen eine Lösung, die im Interesse von Beschäftigten und Studierenden der gesamten Universität ist.
4. Wir unterstützen Proteste gegen die aktuelle Kürzungspolitik, sowohl an den Hochschulen als auch in anderen Bereichen, wie etwa der Kinder- und Jugendhilfe. Wir rufen zur Teilnahme an der Demonstration „Wissen schafft Zukunft – für die Ausfinanzierung der Hamburger Hochschulen“ am 11. Juni 2026 auf. Wir rufen die Beschäftigten und Studierenden der MIN-Fakultät sowie anderer Fakultäten dazu auf, sich gegen die Kürzungspolitik zusammenzuschließen und gemeinsam aktiv zu werden.